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Die Zehn Gebote – Dichtung und Wahrheit

Eine Podiumsdiskussion zu Exodus 20,1-17

Am 17. November 2012, am Tag der Bildung, moderierten Schülerinnen und Schüler des Ergänzungsfaches Religionslehre und des Freifaches Religion unter der Leitung von Julian Stöckli eine Podiumsdiskussion über Dichtung und Wahrheit der zehn Worte. Als Dichtung stehen sie geschrieben, sie sind nach dem Text sogar von Gott gegeben. Inwiefern sind sie heutzutage Wahrheit, d.h. inwiefern prägen sie das Alltagsleben?

Einigkeit herrschte darüber, dass die ersten drei Gebote «Du sollst keine anderen Götter haben neben mir», «Du sollst dir kein Bildnis machen und es anbeten» und «Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen» kaum mehr eine gesellschaftliche Relevanz aufweisen – trotz der Präambel der Bundesverfassung. Hingegen würden die Gebote 4 bis 8 «Gedenke des Sabbattages», «Ehre deinen Vater und deine Mutter», «Du sollst nicht töten» und «Du sollst nicht ehebrechen» allgemein anerkannt, um ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zu garantieren. Sie seien auch in der Gesetzgebung rezipiert worden. Die Gebote 9 und 10 hingegen «Du sollst nicht falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten» und «Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat» würden heute selten mehr beachtet.

Die Frage, ob die Gebote anerzogen oder dem Menschen ins Gewissen gegeben seien, löste eine heftige Debatte aus. Die Mehrheit der Diskutierenden war der Meinung, die Gebote würden von Generation zu Generation weiter gegeben. Oder kamen die Gebote etwa von Gott, wie der Bibeltext suggeriert? Die meisten Schülerinnen und Schüler erachteten dies als unwahrscheinlich, zumal die Zehn Gebote nicht die Ethik als Ganzes zusammenfasse. Zu Recht wurde eingebracht, die Zehn Gebote regelten nicht die Fürsorge und Erziehung der Eltern gegenüber ihren Kindern, die Gleichbehandlung der Menschen und den Umgang mit der Natur. Allerdings konnten sich die Disputierenden auch nicht auf die Formulierung eines 11. oder 12. Gebotes einigen. Dies sei auch nicht nötig, meinte eine Frau aus dem Publikum. Das Gebot «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst», regle das menschliche Zusammenleben umfassend, während das Gebot «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben» die Beziehung zwischen Mensch und Gott vorgebe. Als Fazit war man sich einig, dass die Zehn Gebote heute nicht Wahrheit sind.

Im Unterricht werden wir uns noch kritisch mit der Tatsache auseinandersetzen müssen, dass selbst die Gebote 4 bis 8 im Unterschied zu einer Jahrhunderte langen Wirkungsgeschichte heute anders verstanden werden. Als Beispiel sei erwähnt, dass das menschliche Leben nicht mehr unter allen Umständen geschützt wird. Könnte dereinst die Gefahr bestehen, dass so genannt lebensunwertem Leben die Existenzberechtigung abgesprochen wird? Wie wird es möglich sein, einem Menschen zu vertrauen, wenn lügen üblich ist (Gebot 9)? Wie können gesunde Beziehungen gelebt werden, wenn jeder will, was der andere hat (Gebot 10)? Diese und ähnliche Fragen müssen noch bedacht werden.

Es ist davon auszugehen, dass manche Schülerinnen und Schüler in zukünftigen ethischen oder politischen Diskussionen sich auf die Zehn Gebote und ihre Wirkungsgeschichte beziehen, diese in ihre Argumentationen aufnehmen und reflektieren, was es für Auswirkungen auf eine Gesellschaft haben könnte, wenn weitere Gebote verloren gingen. Es wäre zu bedauern, wenn dieser «Grundlagentext der Kulturgeschichte des Christentums oder gar der Menschheit» (Dominik Markl) in Europa bedeutungslos würde.

Dr. Christine Stuber



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Aufgeschaltet am 4. Dezember 2012
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Fotos: Martin Rizek